Lebensraum Heidereste

Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte fast jedes Dorf im Waldviertel seine „Hutweiden“. Meistens handelte es sich um nicht ackerfähige, flachgründige Flächen. Im strengen wissenschaftlichen Sinn sind Heiden eher artenarme Lebensräume. Volkstümlich wurde dieser Begriff sowohl für Zwergstrauchheiden, als auch für Magerwiesen, Feldraine, Bühel, Grabenränder und sogar Moore verwendet. Das Wort „Heide“ finden wir in Heidelerche, Heidekraut, Heidenelke, Heidelbeere und Heidegünsel verewigt. Vieh auf solchen Gemeinschaftsweiden zu halten war weit verbreitet, jedes kleinste Fleckchen Grünland war oft heiß umkämpft.

Mit dem Ende der Beweidung kam allerdings auch das Ende ganz besonderer Lebensgemeinschaften. Vielfach wurde aufgeforstet, manchmal weisen Steinmauern, Heidekrautbestände oder Kümmerwacholder im Wald noch auf ehemals offenes Weideland hin. Heideartige Flächen waren im Waldviertel nie besonders ausgedehnt. Heidewirtschaft war nur auf kleine Flächen beschränkt. Heidenutzung war nachhaltig, denn sie funktionierte über Jahrtausende ohne Düngung.

Unebenheit, Nährstoffknappheit, Trockenheit und Wärme sind Umweltbedingungen, die besondere Anpassungen erfordern. So bilden Pflanzen trockener Standorte zum Beispiel viel mehr Wurzelmasse aus, um das spärlich vorhandene Nass besser zu nutzen. Die Frühlingskuhschelle, ein im Waldviertel leider bereits ausgestorbener Frühlingsbote, legt ihre Hauptvegetationszeit in das noch feuchte Frühjahr. Eine andere Auffälligkeit auf Magerstandorten ist der Blührhythmus. Ist die Hauptblütezeit einer gedüngten Fettwiese bis etwa Anfang Juli abgeschlossen, so blühen magere Flächen in Wellen bis weit in den September hinein. Insekten erscheinen ebenfalls in Wellen. So sind die Käfer Anfang Mai reichlich vertreten. Hautflügler, wie Bienen, Hummeln und Wespen, treten verstärkt gegen Ende Juni und Ende Juli auf. Die meisten Schmetterlinge werden Mitte August von den Blütenteppichen angelockt und für Fliegen sind gegen Ende August die vielen Doldenblüten die Attraktion.

Das Heidekraut (Calluna vulgaris) ist ein echter Spezialist für Nährstoffarmut und Trockenheit, es verträgt auch Beweidung. Seine Anpassung an die unwirtlichen Bedingungen ist so hervorragend, dass es sich im Waldviertel flächenhaft entwickeln kann. Im Spätsommer trägt die Heidekrautblüte mit ihrem unverwechselbaren zarten Rosarot viel zum Zauber des Waldviertels bei. Eine andere Pflanze und zwar der Wacholder schafft es, sich deutlich über das Niveau von Heidekraut und Heidelbeere zu erheben. Diese lichtbedürftige Pflanze ist mit ihren spitzen Nadeln auch gut in der Lage, sich den Mäulern der Weidetiere zu entziehen.

Von den wildlebenden Tieren der Heide sieht man nur wenige, sie sind klein und gut getarnt. Überwiegend sind es hochspezialisierte Insekten, etwa 2500 Arten. Wildbienen, Grab- und Töpferwespen, Käfer, Schmetterlinge und Heuschrecken leben vornehmlich im oder vom Heidekraut. Besonders günstige Bedingungen finden zahlreiche Spinnen (140 Arten) und verschiedene Ameisenvölker im kleinen, undurchdringlichen Dschungel der Zwergstrauchheiden. Frühaufsteher und Fotografen sind gleichermaßen entzückt über das zauberhafte Bild, das hunderte perlenverzierter Netze bieten, wenn sie im Tau der Morgensonne glitzern. Der Charme der Heide ist umwerfend. Mit gezielter Landschaftspflege sollten solche „Lebensräume für die Seele“ erhalten bleiben. Es steht fest, Gesundheit ist eng mit der Bewahrung von Schmetterlingen, Heidenelken oder Grillen, also eng mit dem Schutz naturnaher Landschaft, vernetzt.

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