Lebensraum Bühel
Wir Waldviertler nennen diesen Rückzugslebensraum liebevoll, „Bicherl“. Vielleicht, weil hier im Schatten und im Schutz vor neugierigen Blicken, so manche Beziehung ihren romantischen Anfang genommen hat – in diesem Fall trifft „Rückzug“ auch auf den Menschen zu.
Bühel sind wie von selbst im Nahbereich vieler, oft riesiger Granitblöcke entstanden. Die abgerundeten Restlinge sind zwar attraktive Auffälligkeiten der Landschaft, für die Landwirtschaft jedoch sind sie enorme Hindernisse. Auf der anderen Seite haben sie aber auch die kleinräumige Struktur der Feldflur mitbestimmt. Bühel sind auch in flacheren und nicht so steinigen Bereichen des Waldviertels entstanden. Dort aber mehr im Umkreis feuchter, also ebenfalls schwer zu bewirtschaftender Stellen. Allerdings war hier die „Flurbereinigung“ ohne hinderliche Steinriesen leichter möglich und hat empfindlich ausgeräumt.
Neben Feldrain und Hecke prägen Bühel ganz besonders den einmaligen Reiz des nordwestlichen Waldviertels. Sie erzeugen die außergewöhnliche Ausstrahlung einer offenen parkartigen Landschaft. Schon am Beginn ihrer Entstehung fehlt die bestimmende menschliche Hand. Scheinbar ohne Ordnung keimt und wächst hier alles, was die Natur zu bieten hat. Obwohl früher beweidet und gemäht wurde, bis heute Gehölze genutzt werden, ist der Artenreichtum enorm. Still und heimlich behauptete sich hier ein Hauch der Urlandschaft.
Bühel zeigen außerdem wie Naturwälder ausgesehen haben könnten. Im Bühel kann man erkennen, was unseren heutigen Forsten fehlt. Gegenwärtig zeigen Klimawandel und Borkenkäfer, wie notwendig die Stabilität eines artenreichen Mischwaldes wäre. Die Forstwirte beginnen gerade umzudenken. Aber auch Gartenbesitzer, die in Büheln, Hecken und Waldrändern den Lehrmeister Natur erkennen, pflanzen an Stelle der Thujen- und Silberfichteneinfalt heimische Gewächse. Schüler haben in einem „Bicherl“ der Blockheide 20 Arten von verholzenden Gewächsen entdeckt: Hängebirke, Stieleiche, Rotföhre, Eberesche, Salweide, Zitterpappel, Wildbirne, Traubenkirsche, Heckenrose, Wacholder, Haselnuss, Schlehdorn, Kreuzdorn, Faulbaum, Roter Holunder, Schwarzer Holunder, Himbeere, Brombeere, Heidelbeere und Preiselbeere.
Pflanzen und Tiere finden im Bühel ein reiches Angebot verschiedenartiger Lebensbedingungen. In der Kernzone des Bühels lebt es sich anders als in den Randbereichen. Herrschen im Inneren eher die Verhältnisse des dunklen, feuchten Waldes vor, sind die Randzonen lichtdurchflutet und trocken. Bühel bieten im Unterschied zur Hecke auch größeren Säugetieren gute Versteckmöglichkeiten. In vielen Ökosystemleistungen stimmen sie mit der Hecke überein (siehe Hecke). Meistens sind beide auch eng miteinander verzahnt.
Gestatten Sie mir die herausragenden Eigenschaften von Bühel, Hecke und Feldrain zu komprimieren: Ihre Artenvielfalt ist überwältigend. Lässt man ihre Existenz zu, erzeugen sie ein Netzwerk, das Korridore für den Genaustausch vieler Arten schafft. Sie erfüllen eine Landschaft mit Leben und Schönheit.
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