Lebensraum Granit

Die Variszische Gebirgsbildung im Paläozoikum hat vor 350-310 Millionen Jahren ein riesiges Gebirge entstehen lassen. Der Granit, der heute auf den Höhenrücken zutage tritt, gehörte zum Fundament des längst verschwundenen Gebirges. Entstanden ist er aus einer feurig-flüssigen Masse, dem Magma, das aus dem Inneren der Erde aufgestiegen war, aber nicht an die Oberfläche gelangte (Tiefengestein). Die Abkühlung des Gesteinskörpers und die Bewegungen der Erdkruste erzeugten Spannungen, die Bruchflächen (Risse und Klüfte) entstehen ließen.

Die Abtragung der Gesteinsmassen des überlagernden Gebirges befreite dann den Granit allmählich von einer gewaltigen Last. Auch Hebungen, die wahrscheinlich schon im Mesozoikum begonnen haben und bis heute andauern, brachten die Gesteine näher zur Erdoberfläche. Diese Druckentlastung erzeugte neuerlich Risse, die parallel zur Erdoberfläche verlaufen.

Während einer tropischen Klimaphase vor etwa 50 Millionen Jahren drang wärmeres Wasser entlang der Risse ein. Die mitgeführten Säuren griffen vor allem die Ecken und Kanten an. Diese tiefgründige chemische Verwitterung formte aus kantigen Quadern abgerundete Wollsäcke. Anschließend wurden die Blöcke vom eigenen Verwitterungsgrus befreit und thronen heute imposant auf den Höhenrücken unserer Landschaft. Wasser beförderte und befördert bis heute den Grus talwärts und lagert ihn ab. Die jüngsten Sande, die „Lainsitzer Sande“ bestehen aus diesem Material und wurden ab dem Quartär (Beginn vor 1,6 Mio. Jahren) abgelagert.

Das in geologischen Maßstäben erst kürzlich vergangene Großereignis, die Eiszeiten, waren in ihrer formenden Wirkung nur die letzte Phase dieser Entstehungsgeschichte. Sie waren von geringer Bedeutung. Das Waldviertel besaß keine Gletscher mit gewaltiger Räumkraft, hier dehnte sich vorwiegend Tundra aus. Daher ist es auch falsch unsere Granitblöcke als Findlinge - von Gletschern transportierte Gesteine - zu bezeichnen. Richtig ist es von Restlingen oder von Wollsäcken zu sprechen. Die jüngsten Veränderungen unserer Landschaft wurden durch den Wechsel von Kalt - und Warmzeiten hervorgerufen. In periodischen Abständen gefror der Boden und taute wieder auf. Während der Auftauperioden waren die obersten Schichten weich und beweglich. Bodenfließen beförderte weiteren Grus der Verwitterungsdecke in die Senken. Ältere Wollsäcke rutschten mit ab (Schwimmblöcke), neue Wollsäcke wurden freigelegt. Berühmtheit haben jene Blöcke erlangt, die der Zahn der Zeit so abgerundet hat, daß sie nur mehr an einer kleinen Stelle am Felsenuntergrund aufliegen ‑ die Wackelsteine.

Auch Steine bieten Lebensraum. Flechten, Moose und Farne überziehen manche Blöcke gänzlich. Zahlreiche tierische Siedler bewohnen den flächenhaften Dschungel der vielfältige Nahrungs- und Unterschlupfmöglichkeiten bietet. Die geheimnisvollen Schalen mancher Wollsäcke sind keine gehauenen „Opferschalen für blutrünstige Rituale“, sondern Produkte lang andauernder chemischer Verwitterung. Kleine Vertiefungen der Oberfläche füllten sich immer wieder mit Wasser. So entstanden kleine „Biotope“ für Pflanzen-und Tierwinzlinge. Säurehältige Ausscheidungen ließen die Vertiefungen langsam zu Schalen werden.

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